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Anlässlich einer Stadtteilgründung in Freiburg initiieren drei Künstler zusammen mit einem künstlerischen Studiengang ein interkulturelles, intergenerationelles und interdisziplinäres Stadtraumprojekt, das die zukünftigen Bewohner des Stadtviertels noch vor seinem Bau antizipiert. Mit den Mitteln der Kunst bietet das Projekt Menschen unterschiedlicher sozialer und kultureller Backgrounds eine Plattform zur Selbst-Artikulation und zum Austausch und nutzt die Öffentlichkeit des Theaters als Instrument zur Selbstermächtigung. Bei dem Projekt „Die andere Seite –Dietenbach-Festspiele“ begegnen sich zwei Nachbarschaften, die in Freiburg keine Gemeinschaft sind: Weingarten und Rieselfeld. Die Künstler und die Studierenden haben sich den Dietenbachpark als aktive Begegnungsplattform ausgesucht, um ein Festival der Nachbarschaften zu lancieren. Kurzfristig gesehen sind die Festspiele ein Fest und ein Ort der Begegnung; städtisch und langfristig gesehen dienen die Festspiele der empirischen Untersuchung und Mitgestaltung des zukünftigen Stadtteils Dietenbach durch seine potentiellen Bewohner.

Die Kunst befragt die Stadt, statt sie zu inszenieren:

Der Choreograf Graham Smith, der Regisseur und Schauspieler Daniel Wahl und die Musikerin Bernadette La Hengst sind allesamt Verfechter partizipatorischer Aufführungsmodelle und blicken auf zahlreiche Stücke zurück, in denen Menschengruppen aus diversen Kontexten mitwirkten. Sie verstehen „Die andere Seite“ als eine dialogische und interkulturelle Forschung von Ökonomisierung, Gentrifizierung und Migrationspolitik, deren Ergebnisse durch die Mittel der Kunst im Öffentlichen Raum vorgestellt werden. Die Studierenden des Studiengang „Raum und Design-Strategien“ interessieren sich für die verschiedenen Merkmale, die die Stadtteile prägen, wobei sie auf extrem kreative Art und Weise auf die Suche nach individuellen Geschichten Strukturen gehen. Ebenfalls als Forschende aufgerufen sind die Bewohner der beiden Stadtteile, die Nachbarn dieses zukünftigen Stadtteils Dietenbach in Freiburg sein werden. Ihre eigenen städtebaulichen Konzeptionen haben jeweils sehr unterschiedliche Einwohnerstrukturen hervorgebracht, die durch große soziale und kulturelle Unterschiede geprägt sind.

Das Projekt gliedert sich in 5 Teile:

1) Wissen schaffen

Nach kürzeren Einzelrecherchen der Beteiligten im Freiburger Stadtraum treffen sich die Studierenden und die drei Künstler beim 3. internationalen Bürgerbühnenfestivals im Mai, um sich mit internationalen Akteuren kritisch über künstlerische Strategien von Partizipationsprojekten mit sog. Randgruppen auszutauschen. Die Stadträume werden intensiv erkundet und mit den Fragestellungen der Bürgerbühnenthematik verknüpft – wie können die Anliegen der Bürger auf die Bühne gebracht werden? Wie realitätsnah oder –fern soll Theater sein? Wann verschmelzen Realitätsvisionen und Theaterutopien miteinander?

2) Die Künstler schwärmen in die Fremde der Nachbarschaft

Als Flaneure erforschen Künstler und Studierende im Austausch mit vorhandenen Vereinen und Initiativen die sozialen Räume beider Stadtteile. Sie identifizieren Orte, an denen sich Gemeinschaften ereignen und wie sich die Spuren solcher Gemeinschaften ins Stadtbild einschreiben.

Die Künstler nehmen Kontakt zu den Menschen vor Ort auf und kommen ins Gespräch. Zusammen beginnen Sie, sich Gedanken um die Zukunft ihrer Stadt, ihrem Wohnbereich zu machen und Visionen zu sammeln. Welcher Raum fehlt in meinem Lebensraum? Welcher Ort darf in meiner Stadt auf gar keinen Fall fehlen? Wie soll er aussehen?- Auch die Künstler gestalten einen Container als ihren Beitrag zur Stadtteilvision.

3) Heterotopien schaffen

Biografien einer Stadt werden zum Exponat und imaginieren einen zukünftigen Stadtteil: In unterschiedlichen Formaten erarbeiten die Initiatoren des Projekts zusammen mit den interessierten Bürgern der beiden Stadtteile, was sie jeweils als Vor- und Nachteile ihrer Wohnumgebung und ihrer Nachbarschaft empfinden. Zusammen sammeln sie Ideen für Verbesserungen und beginnen zu überlegen, wie praktisch umsetzbar diese Ideen sind. Die Künstler bringen dabei ihre spezifischen Ansätze in den Rechercheprozess hinein: Bernadette La Hengst sammelt die Lieder der Nachbarschaft, Daniel Wahl führt verschiedene Interviews, bei denen er visuell und akustisch aufnimmt. Auch in Dietenbach entsteht eine Aufnahme, sodass er daraus Höreindrücke zusammen baut, die Räume für Visionen öffnen. Alle Bewegungsfreudigen arbeiten mit dem Tänzer und Choreografen Graham Smith zusammen und wandeln für die Festspiele besondere Orte ihrer Nachbarschaft in Performance-Orte um.

4) Ein Fest der Heterotopien

Anfang Juli 2017 bereiten wir den Dietenbachpark ganz neu vor. Zwischen den Stadtteilen Weingarten, Rieselfeld und Dietenbach entsteht ein Festspielgeländer, das Ort für Begegnung, Austausch und Festlichkeit wird. Alle Projekte und Ideen kommen hier für eine Woche zusammen, werden gezeigt, diskutiert und erprobt. Es gibt ein vielfältiges, buntes Workshop-, Bühnen, und Mitmachprogramm. Es gibt Möglichkeiten sich bei Speis und Trank zusammenzusetzen oder über geführte Touren den jeweils anderen (oder auch den eigenen) Stadtteil neu zu entdecken und abends kann man sogar selbst zum Tanzen kommen.

5) Die Kunst macht der Realität Platz

Das Projekt endet mit einem gemeinsamen Abschlussfest am 15.07.2017. Es beginnt mit einer inszenierten Parade, diesmal jedoch zusammen mit allen am Projekt Beteiligten durch die Stadt in Richtung Theater. In einer feierlichen Abschlussinszenierung bringen die Initiatoren des Projektes politische Akteure der Stadt, die Beteiligten aus beiden Stadtteilen und Besucher auf der Großen Bühne des Theaters zusammen: Die Schlüssel zu dem neuen Stadtteil werden dem Bürgermeister symbolisch überreicht. Durch die Übergabe der geschaffenen Heterotopien schafft „Die andere Seite“ einen realen Anlass, mit politischen Akteuren der Stadt in Austausch zu treten.

Doch in welche Realität werden sich die Heterotopien am Dietenbachpark überführen? Welchen Wunsch artikulieren ihre Bewohner? Welche Verantwortung wird die Stadt übernehmen?

Auf diese Weise bringt sich das Theater Freiburg auf künstlerische Weise in den städtebaulichen Prozess des neuen Dietenbach-Stadtteils ein und nutzt seine instituierende Kraft und Öffentlichkeit, um die in einer Praxis verhandelten Wünsche der zukünftigen Nachbarn und potentiellen Bewohner in einen gesellschaftlichen Diskurs über den künftigen Stadtteil münden zu lassen.

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Bei dem Studiengang Raum und Design Strategien an der Kunstuniversität Linz handelt es sich um eine in Europa in dieser Form neue Studienrichtung, deren projektorientierten Aufgabenstellungen an den Schnittstellen von Kunst, Architektur, Design und digital media ansetzt.

Kenntnisse und Fähigkeiten im Zusammenhang mit raumbezogenen, thematisch fokussierten Fragestellungen, von künstlerischen Interventionen im (öffentlichen) Raum bis zu komplexen raumbezogenen Konzepten, Rauminszenierungen, virtuellen Raumsystemen sowie profunde Material- und Umsetzungstechniken werden im Rahmen des Studiums vermittelt. Sowohl Phänomene im realen als auch im virtuellen Raum werden analysiert, definiert und realisiert.

Ziel des Studiums ist es, sich eine hohe individuelle Flexibilität an Lösungsstrategien in der sich vehement verändernden Kunst-, Kreativ- und Architekturszene zu erwerben und dies gleichzeitig mit profunder Kenntnis sowohl digitaler als auch materialbezogener Verarbeitungstechniken zu verknüpfen. Praxisbezogene Projekte aus öffentlicher Hand oder mit der freien Wirtschaft sind Teil des Curriculums.

 

Der Stadtteil Weingarten – 3 Km westlich der Freiburger Innenstadt gelegen – gilt in der öffentlichen Wahrnehmung als sozialer Brennpunkt in Freiburg. Erbaut in den 1960/1970er Jahren reagierte die Freiburger Stadtbau mit dem Besiedlungsprojekt auf eine sprunghaft ansteigende Wohnungsnachfrage, sodass die in Weingarten stehenden Häuser in einfacher Bauweise und in sehr kurzer Zeit errichtet wurden. Der Städtebau der 60er Jahre orientierte sich an den Prinzipien Licht, Luft, Sonne und drückt sich in Weingarten in der Bauform der freistehenden Hochhäuser aus, die sich vorwiegend um begrünte Innenhöfe herum anordnen. Jedoch entsprachen die Wohnungen – ursprünglich für junge Familien geplant – sowie die Wohnungsdichte pro Hauseingang inklusive der damit verbundenen Anonymität und mangelnden Identität schnell nicht mehr deren stetig gewachsenen Ansprüchen an Wohnraum, sodass der Stadtteil heutzutage primär von einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen bewohnt wird. Eine Besonderheit an Weingarten ist zudem die sich im süd-westlichen Bereiches des Stadtteils befindliche Siedlung für Sinti und Landfahrer, welche – vor Machtergreifung der Nazis – auf dem Rieselfeld lebten. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden diese Bevölkerungsgruppen – neben der Deportation in Konzentrationslager – an den heutigen Ort umgesiedelt, der nach dem Zweiten Weltkrieg zur Unterbringung sozialschwacher Familien ausgebaut wurde.

Neben einem überdurchschnittlich hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund erster bis dritter Generation, leben überdurchschnittlich viele alte und jugendliche Menschen in dem Stadtteil. Es bestehen kulturelle und sprachliche Divergenzen, die zur Bildung von Parallelgesellschaften führen. Wenngleich neben einem hohen bürgerschaftlichen Engagement in Vereinen im Stadtteil auch sehr beispielhafte Wohnprojekte im Rahmen des Bund-Länderprogramms „Soziale Stadt“ in Weingarten umgesetzt werden, welche das interkulturelle und intergenerationelle Zusammenleben fördern, bekam die AfD bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg 2016 in Weingarten den höchsten Stimmenanteil in Freiburg, sodass sich zurückschließen lässt, dass das interkulturelle Zusammenleben in breiten Bevölkerungsgruppen in Weingarten negativ konnotiert ist.

 

Westlich von Weingarten – durch den Autobahnzubringer Besanconallee getrennt – liegt der Stadtteil Rieselfeld. Von der Stadt Freiburg selbst als ein gutes Bespiel nachhaltiger Stadtteilentwicklung beschrieben, begann die Erschließung des Rieselfeldes 1993, die sich in vier Bauabschnitte gliederte. Der letzte Bauabschnitt wurde im Jahr 2000 durchgeführt. Ziel bei der Stadtteilplanung war von Anfang an, den Standort zu einer guten Adresse zu machen: Dies äußert sich nicht nur in einer ruhigen Verkehrsgestaltung (Tempolimit 30 im ganzen Stadtteil), der Berücksichtigung von Arbeitsplatzschaffung im Stadtplanungsprozess und der Anlegung eines Stadtteilparks sowie weiterer öffentlicher Räume (bspw. die zentral gelegene ökumenische Maria-Magdalena-Kirche sowie das Bürgerhaus Glaushaus direkt daneben). Dies schlägt sich auch in der Einwohnerstruktur nieder: Von den 6000 Einwohnern Mitte 2004 waren rund 75% aus der Stadt Freiburg bzw. ihrer Umgebung. Darüber hinaus ist etwa ein Drittel der Einwohner unter 18 Jahren. Prägend für den Stadtteil ist darüber hinaus ein hohes bürgerschaftliches Engagement, das sich in der Herausgabe einer eigenen Stadtteilzeitschrift aber auch einem hohen Aufkommen von Vereinen äußert.

Dietenbach-Festspiele